Jonas Reetz

Roadtrip nach Skandinavien (Part 1)

Auf meiner Reise durch Skandinavien und dem Baltikum hatte ich zwei meiner 35mm Analogkameras dabei. Hier erzähle ich davon und teile Fotos, die auf der Reise entstanden sind. Das ganze teile ich in 3 Parts. Part 1: von Zuhause nach Dänemark, Schweden und Oslo.
Part 2: Von Oslo nach Bergen und zurück über Schweden nach Finnland. Part 3: Von Finnland ins Baltikum.
Ich will nichts spoilern, aber es lohnt sich dranzubleiben 😉

Los gehts:

Ich brauchte eine Auszeit. Ich liebe meinen Job, aber wenn man als Naturliebhaber lange Zeit jeden Tag 8 Stunden am Tag vor dem PC verbringt schreit das Herz irgendwann „Ich will raus!“.

Glücklicherweise bekam ich mein Sabatical genehmigt und durfte für vier Monate in den Urlaub fahren.

Mit einem Freund kaufte ich einen Campervan und plante den größten Roadtrip, den ich bisher je gemacht habe:

Einmal durch Skandinavien und das Baltikum. Schlafen im Auto oder Dachzelt. Mitten in der Natur. Vier Monate ohne MacBook, Pixel-Peeping und Deadlines. Nur Vogelgezwitscher und die Frage wo der nächste Schlafplatz ist. Ausgestattet mit 3 Kameras (Nikon F2, Olympus MJU & Lumix S5), meinem Handy und unserem autarken Camper ging am 1. April unsere Reise los. Und nein, es war kein Aprilscherz.

Unsere ersten Halte waren noch in Deutschland: Lüneburg und Flensburg. Doch wir wollten endlich raus aus dem bekannten Terrain und so kamen wir schon in der ersten Woche in Dänemark an. Da wir schnellstmöglich das Meer sehen wollten, fuhren wir an die Westküste von Dänemark.

Am Meer angekommen sahen wir eine Gruppe Reiter auf Pferden am Strand im Gegenlicht der untergehenden Sonne reiten. Das war ein Moment wie im Film.

In Dänemark wehte ein rauher Wind, der, wie sich später rausstellen sollte, sogar einen Namen hatte: Sturmtief Dave

Dave hielt uns zu dem Zeitpunkt noch nicht ab das Meer bei einem Glas Wein zu genießen, sollte sich jedoch schon bald als lauten Zeitgenossen herausstellen, wie wir dann Nachts bemerkten.
Auch die am nächsten Tag sichtbaren dutzenden umgefallenen Bäume und der hartnäckige Sand überall ließ uns noch nicht stutzig werden. Wir dachten „Dänemark ist aber ganz schön windig..“. Und weil wir die Küste Dänemarks zu windig fanden, fuhren wir ins Landesinnere. Unser Auto bietet mit Dachzelt und Dachbox eine ordentliche Angriffsfläche für den Wind.  So schaukelten wir quer durch Dänemark, vorbei an Feldern, Wäldern und Seen. Unser nächstes Ziel war Kopenhagen. Die Hauptstadt.

Kopenhagen war einen großer Kontrast zu vorherigem Grillen im Wald und endlosen Feldern: eine Metropole. Hochhäuser aus Glas und reges Treiben. Ich war begeistert vom Vibe der Stadt und sollte meine erste Dänische Krone als Wechselgeld bekommen (im Tivoli Freizeitpark gibt es den besten Kaffee aus Pfandbechern, die direkt vor Ort in einem Automaten zurückgegeben werden können).

Am Hafen nahmen mein Begleiter und ich ein paar kühle Bier zu uns (Leffe) und gingen angeschwipst die Hafenpromenade entlang während sich die Abendsonne in den Segeln der alten Segelyachten brach.

Unser Camper stand derweil auf einem urbanen Campingplatz, dessen warme Duschen wir am nächsten Morgen genossen bevor unsere Reise weitergehen sollte:

Schweden!

Von Dänemark kommt man mit dem Auto auf zwei mögliche Weisen nach Schweden: über die Öresundbrücke von Kopenhagen nach Malmö oder per Fähre. Beides kostet Geld aber wir wollten die Brücke nehmen, da wir uns eine tolle Aussicht erhofften. Die Aussicht war in Ordnung aber der Vibe war klasse. Wir hörten San Francisco beim Überfahren der Brücke und kamen uns vor als würden wir über die Golden Gate Bridge düsen.

In Malmö angekommen (die Fahrt dauert nur 20 Minuten), mussten wir dringend einen Elektroladen aufsuchen, da meine Batterie in der Olympus MJU leer gegangen war und mein Begleiter ein neues Ladekabel für sein Samsung Galaxy benötigte. Da es uns wieder in die Natur zog beschlossen wir Malmö zu skippen und direkt ins Landesinnere zu fahren. Die ersten 200 Kilometer ist Schweden im Süden noch sehr ähnlich wie Dänemark. Viele Felder und wenig Wald. Je weiter man nach Norden fährt wird der Wald immer dichter und man wird belohnt mit einzigartigen Seen inmitten von Wäldern, die an Endor aus Star Wars erinnern. Hier kam zum ersten Mal auch unser Beil zum Einsatz. Scheinbar hatte auch dort Dave gewütet und Bäume zum Umfallen gebracht, die uns nun den Weg zu einem Übernachtungsplatz versperrten. Der Platz hinter den Hindernissen war die Fällaktion aber Wert: ein atemberaubender Blick von einem Steinplateau auf einen großen blauen See!

Dort wurde der Grill angezündet und die Whiskey Flasche aufgemacht (wir hatten aus Deutschland 2 Flaschen mitgebracht, da in Schweden Alkohol teuer ist). Nein, Whiskey ist nicht das meine.

Mit Sodbrennen ging die wilde Tour weiter Richtung Götheborg.

Götheborg ist eine raue und wilde Stadt, mit einem regen Nachtleben. Wobei man das Wort in Schweden in Abendleben umändern sollte, weil alle Bars um spätestens 12 Uhr schließen. In Järntorget reiht sich die eine Bar an die nächste. Die Partymeile erinnert an die Reeperbahn der 70er Jahre oder wie ich sie mir vorstelle. Während die Studierende in den Genuss von Bier und Snooze kommen und sich angeregt austauschen fahren Greasers mit ihrem restaurierten 50er Jahre Autos aus den USA die Meile auf und ab und lassen den Motor laut aufheulen, während Techno Musik aus den Subwoofern im Kofferraum dröhnt. Wer diese Symbiose aus skandinavischem Snooze Vertigo gepaart mit proletischem Tuning Wahnsinn erleben will, für den ist Götheborg ein Muss! In Götheborg lernten wir auch 3 verrückte Schweden kennen, die uns von unserem bis dahin namenlosen Freund Dave berichteten und sichtlich außer sich waren, als sie erfuhren, dass wir Dave als „recht windig“ bezeichneten.

Ab Götheborg sollte uns der 50s Greasers Wahn durch das gesamte Land bis Norwegen verfolgen. In Schweden alleine gibt es mittlerweile mehr US Cars aus den 50ern und 60ern als in Amerika selbst.

Da mein Begleiter für Ende April ein Wochenendhaus mit seiner Freundin in Stockholm gebucht hatte, überlegten wir uns von Göteborg nach Karlstad am Vänern-See zu fahren und diesen halb zu umrunden. Der Vänern ist ein riesiger See. Der Bodensee ist ein Witz gegen den Vänern. Beim Entlangfahren fühlt es sich eher an als würde man am Meer entlang fahren.

Von Karlstad nach Jönköping am benachbarten Vättern See machten wir auf einem Campingplatz halt, der eher an ein schwedisches Freilichtmuseum erinnerte. Da gab es so viel zu entdecken, dass wir beschlossen direkt ein paar Tage dort zu bleiben. Und wir waren mit 2 Dauercampern die einzigen Gäste. Jeder Stellplatz hatte einen eigenen Teich mit Grill und Feuerstelle.

In Jönköping habe ich den blauen Vättern bewundert. Der Sandstrand dort ist fußläufig nur 5 Minuten von der Innenstadt entfernt. Was ein Traum!

Auch der Vibe der Stadt hat uns umgehauen. Das war die erste schwedische Stadt, die ich echt gänzlich mochte. Auch die Dichte an 50s Cars ist hier in der Gegend gefühlt am höchsten. Der einzige Dämpfer war, dass mein Begleiter schlechte Laune hatte, da es seinen geliebten Pueblo Blau Tabak nirgendwo zu kaufen gab. Da die Schweden ihren Snooze verehren ist jeder andere Weg Nikotin in seine Blutbahn zu pumpen eine niedere Methode und wird frohlockend verachtet. Also liebe rauchende Leserin: bringe genug Tabak mit!

Unser Trip ging weiter in einen Ort namens Örebro, dessen Namen wir liebkosend immer und immer wiederholten. Auf dem Weg nach Örebro sahen mein Begleiter und ich uns noch eine beachtliche Sammlung alter Autos im Motormuseum in Motala an. Gerade der Lamborghini Countach von 1988 hat es uns angetan. Dieses futuristische Auto sieht eher aus wie das Batmobil oder ein Raumschiff aber nicht wie ein Auto für normalsterbliche Menschen wie uns.

Von Örebro ging es weiter nach Uppsala. Uppsala war kein versehentliches Ziel, auch wenn der Name es vermuten lassen könnte. Seit ich die Verfilmung der Milleniums Trilogie um Mikael Blomkvist gesehen habe (nein, nicht die mit Daniel Craig sondern die mit Mikael Nyqvist) wollte ich die kleine Unistadt Uppsala besuchen. Sie liegt malerisch am Fluss Fyrisån, auf dem nicht nur Flugvögel ihre Rast einlegen sondern auch jährlich am 30. April zur Walpurgisnacht die Studierenden der Universität Uppsala ein Rennen mit selbst gebauten Booten veranstalten.

Doch leider mussten wir schon am 22. April weiter, da das besagte Wochende in Stockholm anstand.

Stockholm ist eine touristische Stadt, die kulinarisch in der Altstadt genau die gleichen Gerichte zu bieten hat wie jede andere europäische Großstadt. Erstaunlich jedoch war für mich die symbiose aus Altbauten und hochmodernen mit LCD Screens bepflanzten Gebäuden. Kleiner Geheimtipp ist auch das Fotomuseum Fotografiska. Dort kann man im Obergeschoss bei einer wunderbaren Aussicht eine Pizza essen.

Wir mieteten ein AirBnb direkt am Wasser außerhalb von Stockholm im Vorort Åkersberga. Dort wird einem klar wie viele Inseln dieses Land besitzt (Schweden hat über 200.000 Inseln und ist somit das Land mit den meisten Inseln weltweit.). Die nicht weit von dort liegenden Schären umfassen alleine schon ca. 30.000 Inseln.

Nach einem sehr entspannten Wochenende in unserer Hütte am Meer, die über einen Jakuzzi verfügte, den ich aber nicht benutzte, hatten wir das starke Bedürfnis Schweden zu verlassen und unseren Diesel-Vito mit einer Langstrecke zu beglücken, die es in sich hatte. Wir fuhren von Stockholm nach Oslo durch. Diese Tour war unser erster von insgesamt zwei Gewaltmärschen. Wir deckten uns ein mit Red Bull. Meine geliebte Winter Edition gab es nicht mehr, daher mussten wir zu der Lieblingssorte meines Begleiters greifen: Peach Edition.

Das Taurin und das Koffein drangen in unsere Hirnhäute vor und auch das Vitamin B12 entfaltete sich in jeder Zelle unserer Körpers. So fuhren wir nach 6 Stunden über die norwegische Grenze ohne es zu bemerken, knallten mit Vollgas durch das erste Schlagloch einer Mautstraße, das tiefer und dunkler war als unsere Pupillen. Tolle Begrüßung Norwegen!

Am nächsten Morgen wachten wir an einem schönen See auf, der ein beliebter Ort für Angler zu sein schien und bemerkten, dass das Schlagloch des vorabends zwei von insgesamt vier Radkappen gekostet hatte. Die anderen zwei entsorgten wir fachgerecht vor Ort.

Oslo war eine Enttäuschung für meinen Begleiter. Parken kostet Minimum 7€ pro Stunde und das Bier aus 0.2L Flaschen kostet 13€. Das Deutsche Herz blutete und somit war jegliche Schönheit der Stadt überschattet mit finanziellen Sorgen und Sorgen der Unterhopfung..

Wir schliefen noch eine Nacht über dem Holmenkollen und hatten eine tolle Aussicht von einem Amphitheater über die Stadt und das dazugehörige Oslo Fjort.