Was nun folgt, liebe Leserin und lieber Leser ist eine Tragödie. Doch um die Hintergründe und Beweggründe zu verstehen, warum es zu dieser Tragödie kam, ist folgendes essentiell zu verstehen:
Mein Begleiter und ich planten die Reise im Herbst und Winter 2025. Auch jegliche Kalkulationen fanden in dem Zeitraum statt. Wir kalkulierten die auf uns zukommenden Kosten für Lebensmittel, Unterkünfte, Sprit, etc und rechneten eine großzügige Puffersumme oben drauf. Wir wussten: Alkohol und Lebensmittel sind teuer in Skandinavien. Vor allem in Norwegen. Doch was wir nicht ahnen konnten:
Ausgerechnet kurz vor unserer geplanten Abfahrt sollte die wichtigste Schiffsverkehrstraße für Treibstoffe (Straße von Hormus) durch die Amerikaner dicht gemacht werden und somit jegliche Preise um ein vielfaches steigen. Somit waren unsere Kalkulationen für die Katz. Ihr müsst verstehen: Wir haben uns eine Reise von über 12.000 Kilometern vorgestellt. Unser Vito hat einen 75 Liter Tank. Bei einem Preis von 1,80€ pro Liter Dieselkraftstoff bezahlt man für eine Tankfüllung 135€. Damit kommt man bei sparsamer Fahrweise ca. 830km weit. Nun lag der Preis bei deutlich über 2€ pro Liter. Im übrigen war der Sprit in allen skandinavischen Ländern zwar auch deutlich gestiegen aber immer noch deutlich günstiger als im Land der Dichter und Denker.
Diese Umstände machten uns das Land Norwegen mit Hinblick auf die noch übrige Zeit so madig, dass wir beschlossen nur die Südküste von Norwegen zu genießen und die beiden legendären Europastraßen (E18 und E39) von Oslo nach Kristiansand und dann weiter über Stavanger nach Bergen zu fahren und dann das Land wieder zu verlassen. Und ich darf euch eins verraten: Das war die schönste Strecke, die ich je gefahren bin. Die Landschaft von Norwegen ist atemberaubend schön. Dort treffen Küstenpanoramen auf Hafenorte. Einfach Wahnsinn. Es gab Landschaften, die mich an den Grand Canyon oder generell amerikanische Landschaften erinnerten. Wie man es auch nennen will. Endlich waren wir ganz woanders. Etwas ganz Neues.
Auch in Norwegen wird die Car-Kultur zelebriert. Wir begegneten einer riesigen Kolonne Oldtimer. Es war schön einen BMW 2002 in tollem Zustand zu sehen. An diesem Tag fuhr die gesamte Motor-Szene aus der Gegend über genau unseren Highway. Was ein Feeling.
Die Europastraßen beinhalten mehrere Fährfahrten. Diese, wie auch die Straßen selber kosten Geld. Maut. Auch hier lässt sich Norwegen nicht lumpen. Mein Begleiter und ich nennen Norwegen seitdem die Schweiz von Skandinavien. Norwegen ist atemberaubend schön. Hat Ölgelder schlau investiert. Deutsche werden belächelt.
Ich möchte eine Anekdote erzählen. In Stavanger hatten mein Begleiter und ich beschlossen den Tag getrennt voneinander zu verbringen. Er wollte sich um private Angelegenheiten auf dem Campingplatz kümmern während ich die Stadt mit meiner Kamera erkunden wollte. Ich hatte mir vorgenommen mit ein paar echten Norwegern zu reden. Da es an dem Tag leicht regnete und noch recht kühl war, zog ich mir die Nepal-Jacke an, die mir meine Freundin Jil mitgegeben hatte. Ich war zudem auch noch unrasiert und Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich lange Haare habe. So beschloss ich also unrasiert, langhaarig und gekleidet wie der letzte Hippie mit meiner Kamera in die Stadt zu gehen und Menschen anzuquatschen. Jeder, aber auch wirklich jeder Norweger hielt mich für einen Obdachlosen oder Gaukler und ich wurde nur abgewiesen. An diesem Tag (es war der 2. Mai) waren viele Norweger in Trachten unterwegs. Gestriegelt und geschniegelt ignorierten sie meine Avancen. Etwas frustriert ging ich auf den Valbergtårnet. Ein ehemaliger Feuerwachturm. Von dort kann man eine tolle Aussicht genießen über Stavangers Hafen und die Stadt selbst. Wie es der Zufall will begegne ich dort oben Menschen mit analogen Kameras. Eine junge Frau mit einer deutschen Carl Zeiss und ein junger Mann mit einer von mir sehr geschätzten Kamera: die Pentax P30. Auch diese Menschen sprach ich an und ich verwickelte mich in ein tolles Gespräch. Als ich fragte woher sie kommen war die Antwort Schweden. Die einzigen Menschen in Stavanger, die an dem Tag mit mir reden wollten waren Schweden und später in einer sehr touristischen Bar drei ältere deutsche Damen, die mich scheinbar süß fanden in meiner Nepal-Jacke. So ging ich ohne mit einem Norweger geredet zu haben zurück zum Camper.
Auf dem Campingplatz lernten wir Susi kennen. Susi war mit ihrem Fahrrad nach hier oben gefahren. Vom Bodensee. Respekt Susi. Im Gegensatz zu uns konnte Susi auch noch weiter in Norwegen bleiben (ihr konnten die Spritpreise ja egal sein) und ist noch bis oben nach Trondheim gefahren. Mit dem Fahrrad. Das muss man sich mal vorstellen. Sie hat vermutlich auch Polarlichter gesehen. Wir leider nicht. Wir fuhren noch weiter bis Bergen und verließen das Land zugedröhnt mit RedBull in einer einzigen Nacht. Das war unser 2. Gewaltmarsch: Von Bergen nach Umea. 1300km. 16 Stunden Fahrtzeit. Wir wussten: Finnland hat den Euro und ist bezahlbar. Das war unser Ziel. Statt wie ursprünglich geplant über Lulea ohne Fähre von Schweden nach Finnland zu fahren, beschlossen wir die Fähre von Umea nach Vaasa zu nehmen. Kostentechnisch ist das sogar etwas günstiger und geht viel schneller.
Nach der ersten Etappe von 6 Stunden Fahrt durch die schönste Berglandschaft von Norwegen (da es dunkel war konnte ich keine Fotos machen) beschlossen wir hinter Voss (ja, daher kommt das überteuerte Wasser) den Vito auf einen Rastplatz abzustellen und schlafen zu gehen. Schließlich kann auch RedBull einen auf Dauer nicht davon abhalten einen guten Nap zu halten. Als wir am nächsten Morgen im Tageslicht bemerkten wo wir waren, kamen wir aus dem staunen nicht mehr raus. Neben uns floss ein wunderschöner wilder Fluss durch ein Bergtal. Dort saß ich erstmal eine Stunde und sah dem Fluss bei einem morgendlichen Kaffee zu. Es gibt nichts meditativeres als einen wilden Fluss. Oder wie es Bob Dylan in seinem Song ‚Watching the river flow‘ singt:
Walkin‘ to and fro beneath the moon
Out to where the trucks are rollin‘ slow
To sit down on this bank of sand
And watch the river flow
Wish I was back in the city
Instead of this old bank of sand
With the sun beating down over the chimney tops
And the one I love so close at hand
If I had wings and I could fly
I know where I would go
But right now I’ll just sit here so contentedly
And watch the river flow
Die zweite Etappe fuhren wir durch eine Gegend von Norwegen und Schweden, die scheinbar ein Wohnort von Braunbären ist. Jedes Schild und jedes Restaurant am Rande der Straße hatte einen Bärenkopf über der Tür hängen. Glücklicherweise sind wir keinem begegnet. Auch die Elche, die zu dieser Zeit auf Wanderung waren und vom schwedischen Fernsehen auf Schritt und Tritt verfolgt wurden, haben wir nicht gesehen. Keine Elche, keine Polarlichter. So schossen wir frustriert von diesem Land über die Grenze und Richtung Umea.
In Umea angekommen realisierten wir, dass wir noch niemals in unserem Leben so weit im Norden waren wie im Augenblick. Wir hatten teilweise -5 Grad im Camper und mussten uns mit der Standheizung behelfen. Währenddessen blühte es in der Bonner Altstadt bereits. In Umea gingen wir ins Schwimmbad, da wir dringend eine Dusche nötig hatten. Das Schwimmbad in Umea hat eine Art Boulderwand im Schwimmbecken. So begnügten wir uns an der Boulderwand, gingen rutschen, danach in den Whirlpool und anschließend in die Sauna. Mein Begleiter übertrieb es und machte einen heftigen Aufguss, sodass es ihm schwarz vor Augen wurde. Glücklich, hungrig und müde gingen wir in der Stadt noch etwas flanieren und essen und nahmen Abends die Fähre nach Finnland! Auf der Fähre war wenig los. Trotzdem wurde von einem Musiker Livemusik gespielt. Er fragte das Publikum nach Wünschen und spielte für mich die Beatles und später noch 99 Luftballons von Nena, weil er mich mochte (ihm fielen vorher noch meine Koss Porta Pro Kopfhörer auf und er lobte mich für meinen guten Geschmack). Kenner wissen, dass diese Kopfhörer legendär sind. Angekommen in Vaasa fuhren wir zu einem großen Parkplatz, den wir auf Park4Night gefunden hatten und glitten ins Land der Träume.
Am nächsten Morgen realisierten wir, dass wir direkt neben einem kleinen Skilift geparkt hatten und oben auf dem Gipfel des Hügels stand ein Aussichtsturm. Diesen beschloss ich mir anzusehen. Die Aussicht von dort oben war toll. Endlich waren wir in Finnland. So sieht Finnland also aus: Felder, Wälder, Mini-Städte, Industrie, Militär, noch mehr Wälder, Strommasten UND ein Krater. Und was für einer. Der Söderfjärden. ‚Der aus dem Proterozoikum stammende Krater hat ein Alter von mindestens 640 Millionen Jahren, einen maximalen Durchmesser von 6,6 km und eine maximale Tiefe von 300 m.‘ sagt Wikipedia. Wow, man sieht richtig wie drum herum Wälder wachsen aber die Kraterebene nur mit Feldern gefüllt ist. Ich stand also am Rande eines Kraters, der durch einen Meteoriten entstanden ist und stellte mir vor ich wäre dabei gewesen..
Die Reise ging weiter nach Jyväskylä. Ein Freund meines Begleiters wartete dort auf uns. Das Wochenende dort sollte eines der verrücktesten unserer Reise werden. Ich durfte ein echtes finnisches Bier in einer echten finnischen Sauna trinken mit 3 echten nackten Finnen. Dabei lief Metalcore auf voller Lautstärke im Nebenraum und es wurde sich angeregt unterhalten. So hatte ich mir finnische Sauna nie vorgestellt. So ist finnische Sauna aber.