Jonas Reetz

Roadtrip nach Skandinavien
(Part 3: Baltikum)

Nach dem finnischen Saunaerlebnis und einem wilden Wochenende in Jyväskylä nahmen wir uns vor ein paar ruhige Tage in Porvoo und Helsinki zu verbringen, bevor wir Skandinavien verlassen wollten. Porvoo ist eine kleine süße Stadt am Fluss Porvoonjoki, die durch ihre schönen bunten kleinen Häuser überzeugt. Dort kann man auf einem Boot auf dem Fluss ein kühles Bier trinken.

Von Helsinki waren wir eher enttäuscht. Wir hatten inzwischen viele unterschiedliche Städte gesehen und auch wenn jede Stadt ihre eigenen Reize hat, haben wir irgendwann festgestellt: Stadt ist Stadt. In der Altstadt wird der Tourismus auf die Spitze getrieben. Souvenierladen neben Souvenirladen. Immer die gleichen Ketten. Instagram-Posen vor den Sehenwürdigkeiten. Der Appleshop neben dem H&M. Endlevelkapitalismus. Ermüdend. Uns zog es raus aus Skandinavien. So buchten wir rasch eine Fähre von Helsinki nach Tallinn. Estland.

Da mein Begleiter auf Jobsuche war, wurde der Stromanschluss an einem der Tische im Bordrestaurant für eine kleine Lebenslauf-Überhol-Aktion genutzt. Das war so ziemlich das erste Mal, dass ich seit langer Zeit nochmal mein MacBook nutzte und es fühlte sich falsch an. Nachdem wir seinen Lebenslauf überholt hatten genossen wir noch ein kühles Grimbergen auf dem Deck der Fähre. Bei starkem Wind standen wir dort mit vielen dickbäuchigen rauchenden Männern auf der Rehling und ich wusste: Das Baltikum wird anders.

So war es dann auch. In Tallinn angekommen buchten wir uns ein kleine AirBnb für ein paar Tage, weil wir dringend waschen und duschen mussten. Das Apartment war sehr klein aber günstig. Außerdem befand es sich in einer Toplage. In Kalamaja. Kalamaja ist ein sehr authentisches Viertel in Tallinn. Dort findet man die typischen Tallinner Architektur, die man sonst nirgends auf der Welt findet. Nach einer ausgiebigen Dusche in unserem Apartment gingen wir in die Altstadt. Und ich kann nur sagen: WOW! Vielleicht lag es am Regen, vielleicht an der Tatsache, dass es ein Mittwoch war. Aber die Stadt war fast menschenleer. Uns kamen nur wenige Passanten entgegen. Die Gebäude in der Altstadt sind der Wahnsinn. Man fühlt sich wie im Mittelalter. Jeder, der schonmal dort war, kennt auch die alte Spielunke. Das Olde Hansa. Dort gibt es authentisches Essen und Bier aus Krügen. Serviert von Kellnerinnen, bei denen Herzen höher schlagen. Livemusik gespielt von mittelalterlich gekleideten Musikern. Einfach toll. Mein Begleiter bestellte ein Bier, ich einen Rotwein (normalerweise trinke ich eher weißen) und gemeinsam teilten wir uns eine gemischte Platte mit Fisch, Kaviar und anderen Köstlichkeiten. Der Rotwein ging so schnell ins Blut wie Amors Pfeil. Ich war verliebt. Aufgrund der Lichtverhältnisse muss ich den Leser hier leider enttäuschen. Es gibt Dinge, die keine Kamera der Welt einfangen kann.

Nach einem weiteren Besuch in einer benachbarten Kneipe und einer typisch baltischen Gulasch Suppe (serviert in einem ausgehüllten Brotlaib), gingen wir voll gefressen und angetrunken ins Bett.

Ich könnte jetzt noch 3 Stunden weiter über Tallinn schwärmen, möchte aber lieber ein paar Fotos für sich sprechen lassen:

PS: Wenn ihr mal in Tallinn seid, besucht mal das Café ‚Kiosk‘ in Kalamaja. Da trifft man nicht nur nette Menschen, sondern bekommt auch noch den besten Kaffee der Stadt.

Eine Freundin von mir gab mir den Tipp in der Nähe von Tallinn das ehemalige Gefängnis, das nun unter Wasser in einem See (Rummu) ist, zu besuchen, da man dort ohne Tauchschein tauchen kann. Leider war es geschlossen als wir dort ankamen. Daher wollten wir uns an dem See einen Stellplatz für eine Nacht suchen. Wir fanden auch recht schnell einen. Nur dieser war meinem Begleiter etwas zu langweilig und außerdem waren wir dort nicht alleine. Das ist uns zwar so wichtig, jedoch zog es uns noch etwas weiter. Wir waren im Erkundungsmodus. Also fuhren wir eine halbe Runde um den See. Ein kleiner Schotterweg, der mit dem Auto gut befahrbar ist, führt um diesen herum. Leider war dieser aber irgendwann vorbei und ein deutlich abenteuerlicherer Weg mit vielen Pfützen und Schlaglöchern lächelte uns an. Mit einem Zwinkern und hinterlistigem Schmunzeln sprach der Weg zu uns ‚Kommt, hier lang, ihr werdet hier viel Spaß haben. Versprochen.‘

Wir, blauäugig wie eh und je, ließen uns auf das Abenteuer ein. So fuhren wir in Schritttempo um jedes Schlagloch. Jede Pfütze wurde vor dem Passieren kritisch beäugt und auf mögliche Wassertiefe untersucht. In einem schaukeligen links, rechts brachten wir so mehrere hundert Meter hinter uns. Doch dann kam sie. Mit einem teuflischen Lachen begrüßte sie uns. Die Endgegner-Pfütze. Eine sich über die gesamte Breite des Weges streckende Pfütze unbekannter Tiefe mit einer derart steilen Steigung danach, dass man, wenn man nicht schon in ihr versunken ist, spätestens nach erfolgreicher Durchfahrt mit der Unterseite an der Kante hängen bleiben würde. Mir wurde übel bei dem Gedanken in dieser Pfütze stecken zu bleiben. Selbst der Gedanke den gesamten Weg im Rückwärtsgang zurück zu fahren verursachte Schnappatmung.

Da war es: Das unverhoffte oder doch erhoffte Abenteuer. Mein Begleiter stellte den Motor ab und wir sahen uns das ganze aus der Nähe an. Mit Stöcken aus dem Wald prüften wir die Wassertiefe: Tiefe war okay. Aber die Kante machte uns Sorgen. Wir überlegten eine Art Mini-Brücke zu bauen: zu aufwendig. Wir suchten im Wald und am Ufer des Sees nach Brettern und fanden sogar eins. Zuerst war ich für einen Rückzug und mein Begleiter für das Risiko. Dann war ich für das Risiko und mein Begleiter für den Rückzug. Schließlich kam ein Motorrad-Fahrer mit einer BMW GS und lachte uns vermutlich innerlich aus, als er mit bedacht aber gekonnt durch die Pfütze fuhr. Er rief uns hinterher ‚Mit Anlauf gehts‘. Das war also das Stichwort. Mit Anlauf durch die Suppe und hoffentlich nicht aufsetzen.

Mein Begleiter legte den ersten Gang ein und beschleunigte. Das Auto wippte durch die Pfütze. Im Vito flogen alle Teller aus den Schubladen und das Dachzelt bebte. Und mit einem wumms flog der Vito über die Kante, setze ordentlich auf und kratzte an der Kante. Aber wir hatten es geschafft. Trotz Aufsetzen kamen wir auf der anderen Seite an. Und das ganze nur um festzustellen, dass 100 Meter weiter der Stellplatz war, den wir eine Stunde vorher schon gesehen hatten. Wir waren um den See herum gefahren ohne es zu merken. Wie sagt der Kölner? Et kütt wie et kütt und et hätt att immer jot jejange..

Das Baltikum war wirklich anders. Die Straßen sind deutlich schlechter. Viele Schlaglöcher und Unebenheiten. Die Stoßdämpfer müssen hier etwas mehr aushalten als in Skandinavien. Dafür: Keine Mautstraßen mehr. Überall Euro und mehr Ostblock-Romantik.

Unsere Fahrt ging weiter durch Haapsalu nach Pärnu und weiter nach Tartu. Alles tolle Städte mit schönen Häusern. Estland hätte ich gerne noch länger erlebt. Doch ich freute mich bereits auf eine Stadt, die mich schlussendlich so sehr begeisterte, dass ich sagen würde: Ich habe mich verliebt.

Riga. Riga ist Lettlands Hauptstadt. Weltkulturerbe wegen der hohen Dichte an Jugendstilgebäuden in der Neustadt und der Hanseatischen Bauweise in der Altstadt. Wir fuhren in die Stadt an einem grauen Nachmittag. Mein Begleiter war müde und parkte den Vito auf einem kostenlosen Parkplatz an einem Park und ich zog alleine los. Zuerst überkam mich ein Gefühl von Tristesse. Eine starke Spannung lag in der Luft, die ich nicht deuten konnte. Endlose Jugendstilfassaden verflossen farblich mit dem dunklen Himmel zu einer grauen Farbpalette. Es fisselte. Eine alte Straßenbahn fuhr bimmelnd an mir vorbei und krächzte wie ein Rabe. Irgendwas hatte diese Stadt, was ich noch nie zuvor erlebt hatte. Keine Stadt gab mir bisher einen derartigen Endzeit-Vibe. Mit meiner Nikon F2 um den Hals hängend, versuchte ich dieses Gefühl einzufangen.

An den nächsten drei Tagen sollte ich Riga ganz anders erleben: Als sonnige, schöne und volle Stadt. Mit einem interessanten Nachtleben und einer aktiven Musikszene. Da mein Begleiter ein AirBnb für sich und seine Flamme buchte, hatte ich den Camper mehrere Tage für mich allein. Ich parkte auf einem sehr zentralen Parkplatz, der aber sehr leise und versteckt war und erkundete tagsüber die Stadt. Und diese Stadt hat viel zu bieten. Wow.

Das darauffolgende Wochenende verbrachten wir in Jurmala in einer Holzhütte am Meer. Ich hatte viel Zeit alleine und konnte viel meditieren.

Von Jurmala aus fuhren wir weiter an der Ostseeküste entlang nach Liepaja. Diese Gegend ist wahnsinnig schön. Dort sind sehr raue Ostseestrände mit Kiefernwäldern direkt am Meer. Teilweise kann man das Meer vom Auto aus sehen und es gibt viele Campingplätze oder Stellplätze. Dort werde ich definitiv nochmal hinfahren. Außerdem sind die Bunkeranlagen aus dem zweiten Weltkrieg eine tolle Kulisse für einen Fotografen.

Das Baltikum ist echt klein. Das fällt einem auf, wenn man vorher durch riesige Länder wie Schweden gefahren ist und man nun plötzlich innerhalb von einer Woche mehrere Grenzübergänge macht. So schnell ging es nämlich und wir waren plötzlich in Litauen. Auch Litauen ist vollkommen unter dem Radar der Deutschen. Ein sehr schönes Land mit einer tollen Ostseeküste. Viele tolle Möglichkeiten Urlaub zu machen. Die moderne Hauptstadt Vilnius. Viel Natur.

Klaipeda war unser erstes Ziel in Litauen. Hier stellten wir unseren Vito auf einen einfachen Campingplatz in einem Kiefernwald nicht weit vom Strand. Von dem Strand am Campingplatz zur Stadt müsste man einen Fußmarsch von einer Stunde zurücklegen. Daran hatte ich aber sowieso kein Interesse. Ich wollte einfach nur das Meer genießen und gegen den Wind gehen. Barfuß im kristallklaren flachen Wasser. Auf Stadthöhe direkt neben einem Drohnenübungsplatz drehen Windsurfer ihre Runden auf dem Wasser und werden von Urlaubern von der Promenade aus beobachtet. Hölzerne Stege gehen mehrere Kilometer durch die Dünen. In gleichmäßigen Abständen gibt es Bänke, von denen aus man die Brandung beobachten kann. Wenn hier keine Ruhe und Entspannung möglich ist, dann nirgends auf der Welt. Ein nettes kleines Café lädt zum Kräftetanken ein und ein perfekter Strandtag darf zu Ende gehen.

Auf dem Campingplatz lernte ich nette Deutsche kennen. Ein älteres Ehepaar in einem Bulli mit einem süßen Hund, der es liebte gekrault zu werden. Außerdem zwei Biker. Holländer. Einer musste am nächsten Tag vom ADAC gerettet werden, weil sein Bike nicht mehr startete. Der andere fuhr alleine weiter Richtung Norden. Mein Begleiter und ich fuhren auch weiter. Aber wir machten einen spontanen Umweg. Am vorherigen Abend berichtete mir der alte deutsche Mann von einem ganz erdrückenden und besonderen Ort, den ich nun sehen wollte. Meinem Begleiter sagte ich nicht wohin wir fuhren und er sollte die Augen schließen, 5 Minuten bevor wir da waren. Der Hügel der Kreuze in der Nähe von Siauliau.

Als nächstes steuerten wir Kaunas an. Kaunas ist eine kleine aber sehr schöne Stadt. An diesem sonnigen Tag kam mir Kaunas fast schon wie eine italienische Stadt vor. Aber ich denke ich war einfach im Urlaubsmodus angekommen. Ich trank einen Kaffee und schaute mir ein Fotobuch an, das ich in der örtlichen Galerie für Fotografie gekauft hatte. Parallel wurden in dem Standesamt von Kaunas in einer Taktung von 15 Minuten Menschen vermählt. Es war ein Schauspiel: Brautpaar geht rein, Glockenläuten, Brautpaar kommt raus, Fotos werden gemacht während das nächste Brautpaar schon bereit steht. Ich glaube in Litauen heiraten mehr Menschen als ich Deutschland.. Ein Follower bei Instagram empfahl mir eine Craft Beer Bar in Kaunas und das dort erhältliche Chili Bier. Mein Begleiter kaufte es und brauchte ca. 1 Stunde das Glas leer zu trinken. Ich weiß auch nicht warum. Ich hingegen genoss ein herrlich fruchtiges IPA und spürte wie der Alkohol meinen Urlaubsmodus verstärkte. Irgendwer empfahl uns auch noch nach Vilnius zu fahren, weil dort zu der Zeit das Pink Soup Festival stattfand.

Lieber Leser, du fragst dich jetzt bestimmt was Pink Soup ist und warum es ein Festival dafür gibt. Pink Soup ist ein litauisches Nationalgericht. Suppe aus roter Bete. Und diese lieben die Litauer so sehr (und bestimmt auch in Ermangelung einer echten kulinarischen Errungenschaft), dass ein ganzes jährliches Festival zu Ehren dieser pinken Suppe stattfindet. Diese kann man natürlich dort an jedem Stand käuflich erwerben. Für knapp 10€ bekommt man gefühlt zwei Löffel Suppe. Man blickt sich fragend in die Augen und versteht: Der Litauer hat Humor.